Sonderfall: Demenz und Freitodbegleitung

Es gibt verschiedene Demenzerkrankungen, Alzheimer ist die häufigste und daher bekannteste Form. Aufgrund der demografischen Entwicklung nehmen Demenzerkrankungen weltweit zu. In der Schweiz sind sie die dritthäufigste Todesursache nach Herz-Kreislaufleiden und Krebs sowie der häufigste Grund für Pflegebedürftigkeit im Alter.

Manche Menschen ziehen es vor, zu sterben, bevor ihre Demenzerkrankung ein selbständiges Leben unmöglich macht. EXIT kann Patienten mit einer Demenzdiagnose und Sterbewunsch helfen, jedoch nur, wenn sie noch im Besitz ihrer Urteilsfähigkeit sind. Alzheimer beispielsweise wird oft in einem frühen Krankheitsstadium diagnostiziert – zu einem Zeitpunkt, an dem die Urteilsfähigkeit als Voraussetzung für eine Freitodbegleitung noch vorhanden ist. Eine Freitodbegleitung ist aber nicht mehr möglich, wenn mit fortschreitender Krankheit die Urteilsfähigkeit verloren gegangen ist. Also muss sich eine demenzerkrankte Person, die den natürlichen Verlauf der Krankheit nicht zulassen will, zu einem Zeitpunkt für eine Freitodbegleitung entscheiden, in dem ihr Leben oft noch eine gewisse Qualität aufweist.

EXIT empfiehlt Mitgliedern mit einer Demenzdiagnose und dem Wunsch, vor Eintritt der Urteilsunfähigkeit eine Freitodbegleitung zu beanspruchen, sich bereits im Frühstadium der diagnostizierten Demenz bei der EXIT-Geschäftsstelle zu melden, um die Situation und das weitere Vorgehen ein erstes Mal zu besprechen. Es wird vorerst nicht darum gehen, so bald wie möglich eine Freitodbegleitung zu planen, denn der Verlauf einer Demenzerkrankung ist von Fall zu Fall unterschiedlich und sie  kann durchaus einige Jahre in einem frühen Stadium verbleiben. Doch es ist wichtig, frühzeitig ein Netzwerk mit Angehörigen, Ärzten und einer EXIT-Begleitperson aufzubauen, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, in dem eine Entscheidung für den Freitod noch möglich ist.

Häufige Fragen zum Thema Demenz

Diagnose Demenz, was nun?
Demenzerkrankungen können unterschiedlich schnell verlaufen. Es ist ratsam, dass Sie sich bei einer entsprechenden Diagnose und einem Sterbewunsch frühzeitig mit EXIT in Verbindung setzen für erste Abklärungen. So kann EXIT Sie, neben ihren Angehörigen und ihrem Hausarzt, unterstützen bei der Beobachtung des Verlaufs Ihrer Demenzerkrankung. Wenn Sie sich bei EXIT melden, bedeutet das nicht, dass dann unverzüglich eine Freitodbegleitung eingeleitet werden muss. Für eine Freitodbegleitung darf jedoch der Zeitpunkt des Verlustes der nötigen Urteilsfähigkeit nicht verpasst werden. Dieser Zeitpunkt ist von Fall zu Fall unterschiedlich und es kann durchaus einige Jahre dauern, bis er eintrifft.

Was versteht man unter „urteilsfähig“?
Eine urteilsfähige Person versteht ihre Situation und kann ihre Krankheit benennen. Sie ist darüber informiert und versteht, was mit Fortschreiten der Krankheit auf sie zukommen wird, sie kennt die Prognose, aber auch die bestehenden Therapiemöglichkeiten.
Es ist weniger gravierend, wenn man z.B. nicht mehr weiss, welches Datum oder welcher Wochentag gerade ist. Wichtig ist, dass man noch begründen kann, wer man ist und warum man sich dafür entschieden hat, nun nicht mehr weiterzuleben.

Weitere Infos: 
Interview Heidi Vogt "Entscheid dann treffen, wenn noch Lebensqualität da ist"
Merkblatt Urteilsfähigkeit

Wer kann meine Urteilsfähigkeit bei einer Demenzerkrankung bestätigen?
Bei einer Demenzdiagnose muss die Urteilsfähigkeit maximal 30 Tage vor dem geplanten Freitod durch einen Facharzt (Psychiater, Neurologe oder Geriater) nochmals bestätigt werden. Die Bestätigung durch den eigenen Hausarzt genügt den behördlichen Anforderungen nicht. Hinzu kommt die Einschätzung der Freitodbegleitperson: Auch zum Zeitpunkt des gewählten Sterbetermins muss die Urteilsfähigkeit noch gegeben sein.

Kann ich für den Fall einer Demenzerkrankung in meiner Patientenverfügung eine Freitodbegleitung anordnen?
Nein. Die Urteilsfähigkeit ist unerlässliche Bedingung für eine Freitodbegleitung. Eine Freitodbegleitung bei Urteilsunfähigkeit ist strafrechtlich eine Tötung und in der Schweiz verboten. Die Patientenverfügung tritt nur bei Verlust der Urteilsfähigkeit sowie einer aussichtslosen Prognose in Kraft.

Welche Art von Massnahmen kann ich für den Fall einer Demenzerkrankung in meiner Patientenverfügung festhalten?
In der Patientenverfügung halten Sie fest, welche medizinische Behandlung und Pflege Sie wünschen oder ablehnen, falls Sie selber nicht mehr urteilsfähig sind oder sich nicht mehr äussern können. Bei einer Demenzerkrankung kann dies z.B. sein: "Wenn ich (non-)verbal zum Ausdruck bringe, dass ich keine Nahrung und/oder Flüssigkeit zu mir nehmen will, so ist dies zu respektieren und jede Art von Ernährung und/oder Flüssigkeitszufuhr zu unterlassen. Gleichzeitig ist eine ausreichende Sedierung vorzunehmen."

Links zum Thema Demenz
alz.ch

Interview Heidi Vogt: "Entscheid dann treffen, wenn noch Lebensqualität da ist"

Merkblatt Urteilsfähigkeit

Rundschau-Interview mit Marion Schafroth

Ein EXIT-Mitglied erzählt von der Alzheimererkrankung des Ehemanns